Küssen kann man nicht alleine

Wir leben in einer Zeit in der Nähe drastisch limitiert wird.

Nicht nur die Soziologen und Verhaltensforscher werden das Intimverhalten während und nach Ablauf des Jahres 2020 sicher etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Wie verändert Corona unsere Intimität bzw. unseren Umgang mit nächster Nähe? Wie wollen junge Menschen sich näher kommen und das Projekt Nachwuchs gestalten, wenn sie vor dem Mund eine Maske tragen und Abstand sich als neue Normalität durchsetzt? Intimität auf Abstand – das wird herausfordernd.

… und [sie] küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl

Lukas 7,38

… und einer von den Zwölfen, der mit dem Namen Judas, ging vor ihnen her und trat an Jesus heran, um ihn zu küssen.

Lukas 22,48

Das Lukasevangelium schießt zwei intime und preisgekrönte Fotos, in denen sich der inkarnierte Gott von zwei Menschen küssen lässt. Jesus wird von je einem Exemplar beider Geschlechter geküsst. Der Kuss ist Zeichen der Verehrung, einer Vertrauensbeziehung. Beide erwähnten Küsse könnten jedoch nicht unterschiedlicher sein.

Einmal sind es die Lippen einer fremden Frau verbunden mit einem betörenden Duft und empörenden Zaungästen. Die ganze Szene wirkt ziemlich unpassend. Dafür ist die Dramaturgie aber intensiv und emotional. Das andere Mal ist es der Mund eines vertrauten Freundes mit misstrauischen Absichten. Berührungen können äußerlich eine andere Sprache sprechen als die Motivation des innersten Beweggrundes. Da kann uns eine Geste emotional mitreißen, zu Tränen rühren oder auch peinlich zum Fremdschämen verleiten, aber wir sehen häufig das Motiv hinter der Oberfläche nicht. Verräterisch und äußerlich in eine perfekte Choreografie hineingeschnitten oder aus tiefstem Herzen mit einer schampeinlichen Selbstoffenbarung vor der Öffentlichkeit. Welcher Kuss schmeckt wohl besser?

Jeder dieser beiden Annäherungen des Menschen vor Gott zeigt zutiefst unsere menschliche Verletzlichkeit. Beide Versuche Nähe aufzubauen sind eingebettet in zerbrochene Verbindungen. Beiden Annäherungsversuchen fehlt die ansteckende Freude. Beide Küsse drücken einen tiefen Schmerz aus, begleitet von Scham, Tränen, Missbrauch und Enttäuschung. Jesus lässt in seiner Liebe die beiden unglücklichen Versuche des Menschen nach Nähe zu, weil seine Liebe beiden gilt, dem Verräter genauso wie der Verratenen.

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