Mehr als nur Geschwindigkeit

Es war einmal vor vielen Jahren, da liebte der Mann die Geschwindigkeit, liebte es schnelle Autos zu fahren.

Einen PS starken Boliden unter dem Hintern, der geschmeidige Pedaltanz im Wechsel von linkem und rechtem Fuß während der ganze Körper mit den 4-8 Zylindern leidenschaftlich synchron mitvibrierte. Maximale Beschleunigung und Geschwindigkeit als ultimative Erfüllung.

Adam liebt es, wenn es dröhnte, der Vergaser die Durchlässigkeit eines Badewannenabflusses aufwies und der quergelegte Schornstein ordentlich Dampf produzierte. Der Schaltknüppel wurde bei Bedarf am besten gleich vom ersten in den 4. Gang verfrachtet. Manche Spezies dieser Zeit ließen dabei lässig den Arm über die Bordwand der eigenhändig heruntergekurbelten Fensterscheibe hängen, während die Beifahrerin ihre Fingernägel mit den Zähnen behandelte.

Der Gottlose flieht, auch wenn niemand ihn jagt; der Gerechte aber ist furchtlos wie ein junger Löwe.

Sprüche 28,1

Es war einmal!

Viele Väter hüllen sich heute in verklärtes Schweigen, während ihre Kids von grüner E-Mobilität schwärmen. Wer jedoch schon einmal in einem Tesla saß wird eines feststellen – etwas ist geblieben – Geschwindigkeit. So mancher wurde schon aus seinem Fußgängerdasein aufgeschreckt, weil er den leisen Schlitten nicht kommen hörte. Wie aus dem nichts sind sie da: Lautlos, schnell beamen sie sich gefährlich nah heran und ebenso verschwinden sie auch wieder geräuscharm in der Anonymität des dichten Verkehrs, während man einen Mantafahrer mit seinen aufgebohrten Zylinderköpfen noch zwei Dörfer weiter gehört hat. Geschwindigkeit macht etwas mit unserer Achtsamkeit. Vielleicht kann man es in einer Gleichung festhalten: Je schneller wir unterwegs sind, um so unachtsamer werden wir. Die Möglichkeit bei 300 km/h einen Blitzer am Straßenrand wahrzunehmen ist weitaus geringer als bei 30 km/h.

Geschwindigkeit und Anonymität machen uns zu unberechenbaren Raubkatzen.

Geschwindigkeit verringert die Fähigkeit zur Achtsamkeit, weil alle Konzentration bereits dafür in Anspruch genommen wird die Spur auf dem Speedway des gesellschaftlichen Lebens zu halten. Geschwindigkeit macht uns zu Jägern und Gejagten. Wer zu schnell im Leben unterwegs ist, hat gute Chancen auf dem Siegertreppchen einen Stehplatz zu ergattern, aber er steht permanent in Gefahr den Respekt vor dem Leben am Rand der Straße/Gesellschaft zu verlieren. Respekt kommt ganz ohne Geschwindigkeit aus. Die Achtung vor dem anderen, die Achtsamkeit gegenüber dem Leben braucht die Wirklichkeit des Anhaltens.

Mag sein der Porschefahrer wird am Fußgängerüberweg von heftigen Schüben der Ungeduld erfasst, während die Schnecke noch nicht einmal den ersten weißen Streifen passiert hat. Achtsamkeit und Respekt nötigen mir den Ausstieg aus meinem Hochgeschwindigkeitsleben ab. Die Coronabremse attestiert und vielleicht nicht nur eine Geschwindigkeitsüberschreitung, sondern sie nötigt uns ein Anhalten auf – Zeit um wahrzunehmen – wo bin ich eigentlich gerade unterwegs? Bin ich noch bei dem Gott, dem ich mein Leben verdanke? Jage ich wem oder was auch immer hinterher oder werde auf der Überholspur des Lebens von gewissen inneren Antreibern gejagt, weil ich meinen Schöpfer längst aus dem Blick verloren habe? Dieser unfreiwillige Boxenstop nötigt uns einen neuen Respekt gegenüber dem Leben auf – Respekt gegenüber dem Leben meiner Mitmenschen, die ich vor lauter AktionismusPS gar nicht mehr wahrnehme. Achtsamkeit auch gegenüber der eigenen Lebensführung und v.a. den Respekt gegenüber dem, der mir Verantwortung und Leben anvertraute – Gott selbst.

Leben ist mehr als nur Geschwindigkeit.

Vielleicht tut es unserer Nation ganz gut für die nächste Zeit die Landstraße zu benutzen oder zumindest erst einmal eine Pause für den Blickrichtungswechsel einzulegen.

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